Das Klima und die Marshmallows

Okay, was genau hat unser Klima mit amerikanischer Schaumzuckerware zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel (sieht man mal davon ab, dass Hühnereiweiß enthalten ist und das Zeug in die ganze Welt exportiert wird, was beides einen ziemlich schlechten ökologischen Fußabdruck hinterlässt).
Aber tatsächlich ist unser Verhalten dem menschengemachten Klimawandel und dem drohenden Point of no Return gegenüber fatal mit dem Versuch mit Marshmallows und kleinen Kindern zu vergleichen: Die Kinder wurden in einen Raum gesetzt und bekamen einen Marshmallow vorgesetzt. Ihnen wurde gesagt, sie könnten ihn gleich essen, dann wäre es das. Wenn sie aber widerstehen und sich den Marshmallow aufheben, bekommen sie später einen zweiten und dürfen dann beide essen.
Das Experiment zeigte, dass alle Kinder für eine gewisse Zeit in der Lage waren, der Süßigkeit zu widerstehen. Dauerte das Warten aber zu lang, wurde das süße Ding angeknabbert und teils auch beherzt verputzt. Nur sehr wenige Kinder widerstanden bis zuletzt.

Und was hat das jetzt mit der Klimakatastrophe zu tun? Nun, wir Erwachsenen sind genauso. Uns wird versprochen, dass wir den Klimawandel noch aufhalten und den Planeten auch für unsere Kinder und Enkel noch bewohnbar halten können, wenn wir jetzt ein paar Verhaltensweisen ändern und auf ein paar Annehmlichkeiten verzichten. Der Lohn ist dann eine Zukunft mit sauberer Luft, nachwachsenden Wäldern, sauberen und artenreichen Meeren, ausreichend Nahrung für alle Menschen und weniger Kriegen, weil es genug Land und Nahrung für alle gibt. Klingt ein bisschen wie das Paradies, oder?

Das Problem: Das alles ist viel zu abstrakt. Wir haben keine unmittelbare Rückmeldung, wenn wir jetzt verzichten, sondern nur eine indirekte in der Zukunft. Vielleicht erleben wir selbst es nicht einmal mehr persönlich, sondern erst unsere Kinder oder Enkel. Und vielleicht funktioniert es eh nicht, und dann waren wir die einzigen Idioten, die nicht mehr zum Tauchen ans Rote Meer geflogen sind, die das allerletzte Konzert der Stones verpasst haben, weil wir nicht in ein Flugzeug steigen wollten, die weder Flugmango noch Steak noch Avocados gegessen haben, obwohl gerade die doch so ein richtiges Superfood sind – einfach nur, weil wir nicht wollten, dass der Planet unseretwegen dauerhaftes Fieber bekommt und irgendwann seine Parasiten (uns) abwirft.
Und außerdem hat sich der Nachbar gerade so einen schicken SUV gekauft, wie stehen wir denn da, wenn wir plötzlich nur noch mit dem Rad zur Arbeit fahren? Und den neuen Supergrill nur noch mit Pflanzen befüllen, ja – wo bleibt denn da der Spaß? Die Lebensfreude? Der Genuss?

Verstehe ich alles. Ich bin weit entfernt von perfekt. Ich esse nicht komplett vegan, weil mich manchmal ein Stück Käse lockt oder ich einfach keine Lust habe, meinen Kaffee im Café schwarz zu trinken, es aber keine Alternative zu Kuhmilch gibt. Manchmal will ich einfach Sushi mit Fisch und nicht nur mit Gemüse essen. Und ganz selten probiere ich doch noch mal einen Bissen Fleisch. Meistens schmeckt es nicht mehr so grandios wie in meiner Erinnerung – außerdem gibt es inzwischen wirklich tolle Ersatzprodukte, wenn einen wirklich mal der Fleischhunger packt. Ich mache hier jetzt keine Werbung, aber ich versichere, dass es da wirklich brauchbare Dinge gibt, die weder nach Pappe schmecken noch nach einem Chemiebaukasten klingen, wenn man die Zutatenliste liest.

Alles in allem ist es aber dennoch wirklich wichtig, den Marshmallow nicht zu essen. So lecker kann der gar nicht sein, als dass wir ihn unbedingt jetzt brauchen. Versuchen wir es doch einfach mal einen Tag lang: Mit dem Rad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Den Coffee to go in den eigenen Becher füllen lassen. Statt des abgepackten Salats aus dem Supermarkt, der eh viel zu teuer und viel zu wenig ist, lieber selber einen Haufen Gemüse schnibbeln, einpacken und mit zur Arbeit nehmen. Das Dressing gerne extra, damit der Salat schön knackig bleibt. Dazu eine Scheibe Vollkornbrot vom regionalen Biobäcker. Das kann man sich auch direkt in eine passende Stofftasche packen lassen. Die kann man kaufen, man kann aber auch einfach einen der hundert Stoffbeutel, die man eh inzwischen herumfliegen hat, zum Brotbeutel ernennen. Mit Stoffmalfarben oder Gemüsesäften kann man auch noch eine coole Verzierung anbringen, so dass der Brotbeutel immer sofort als dieser zu erkennen ist.
Statt der Tüte Gummibärchen (die nicht nur in Plastik verpackt sind, das danach in den Müll wandert und im schlechtesten Falle weiter ins Meer oder in eine Deponie, im auch nicht viel besseren Falle verbrannt wird, sondern auch noch jede Menge Gelatine enthalten, die weder für uns noch für die Tiere, aus denen sie gewonnen wurde, sonderlich gesund ist) einfach mal ein paar Kirschen, Erdbeeren oder anderes Obst kaufen. Aber bitte lose, auch dafür gibt es inzwischen dünne, nur wenige Gramm leichte Beutel. Das freut nicht nur die Umwelt, sondern auch noch die Gesundheit.

Das lässt sich beliebig weiterspinnen. Niemand muss von einem auf den anderen Tag alles perfekt umsetzen, das ist utopisch. Aber denken wir doch einfach jedes Mal nach, bevor wir etwas kaufen.
Brauche ich das wirklich?
Kann ich es auch unverpackt oder in einer ökologisch unbedenklichen Verpackung bekommen?
Muss ich heute mit dem Auto fahren, weil ich noch drei Säcke Katzenstreu und ein Sofa bei IKEA kaufen will (und Kerzen, natürlich), oder kann ich auch andere Mittel nutzen, die die Umwelt weniger belasten?
Muss ich wirklich jeden Tag Fleisch essen, oder kann ich heute auch mal darauf verzichten?
Habe ich wirklich schon alle pflanzlichen Milchalternativen getestet und mag davon wirklich absolut keine, oder ist möglicherweise Haselnussmilch eine tolle Alternative in meinem Kaffee? (Disclaimer: Ist sie. Genauso wie Cashewmilch und bestimmte Sorten Hafer- und Sojamilch, aber da hat eh jeder seine eigenen Vorlieben).

Ich liefere hier nur Anregungen. Wir sollten die Augen öffnen, immer und immer wieder. Denn nur, wenn wir sehen, was wir tun und es aktiv ändern, können wir auch die Welt verändern. Und um nichts geringeres geht es mehr, wenn wir nicht eine der allerletzten Generationen auf diesem Planeten sein wollen. Packen wir es an?

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